21.05.2016
Muna Duzdar: "Formel für Integration? Bildung, Bildung und noch einmal Bildung." (in: "Kronen Zeitung")

Kronen Zeitung: Frau Duzdar, in London wurde ein Moslem Bürgermeister, in Wien wurden Sie Staatssekretärin. Sehen Sie eine Parallele?

Muna Duzdar: Ich kenne den Londoner Bürgermeister nicht persönlich, habe aber nur Gutes über ihn gehört. Ich gehe davon aus, dass er nicht Bürgermeister geworden ist, weil er Moslem ist. Ich persönlich habe keine Parallele zu mir gezogen, aber auch ich will nicht darauf reduziert werden, dass ich Muslimin bin.

Kronen Zeitung: Trotzdem ist Ihre Ernennung eine kleine Sensation, für viele – Stichwort Israel – auch eine Provokation. Können Sie das nachvollziehen?

Duzdar: Es ist normal, dass es darüber Diskussionen gibt. Ich bin das erste Regierungsmitglied mit Migrationshintergrund – aber auch die erste Kaisermühlenerin! – das ist natürlich etwas Besonderes. Deswegen bin ich aber nicht Staatssekretärin geworden, sondern weil ich eine entsprechende Ausbildung einbringe und schon länger in der Politik bin.

Kronen Zeitung: Wie fanden Sie Norbert Hofers Äußerung, er würde Sie nicht angeloben, wenn Sie Kopftuch tragen?

Duzdar: Deplatziert! Aber ich muss nicht alles kommentieren, was Norbert Hofer sagt. Ich trage kein Kopftuch. Punkt.

Kronen Zeitung: Er hat es damit begründet, dass das Kopftuch ein Symbol für die Unterdrückung der Frau sei.

Duzdar: Das wird unterschiedlich gesehen.

Kronen Zeitung: Wie sehen Sie es?

Duzdar: In einer demokratischen Gesellschaft herrscht Religionsfreiheit, und wenn Frauen Kopftuch tragen wollen, dann soll es in ihrer freien Entscheidung liegen, ob sie das tun oder nicht.

Kronen Zeitung: Es gibt den Vorwurf, Sie hätten eine Top-Terroristin nach Wien eingeladen, Sie haben das dementiert. Ärgern Sie sich über diese Angriffe?

Duzdar: Es sind Versuche von bestimmten politischen Gruppierungen, Unwahrheiten gegen mich zu verwenden. Ich finde das schäbig. Ich würde nie jemanden angreifen aufgrund seiner Herkunft oder aufgrund seines familiären Hintergrundes.

Kronen Zeitung: Sie sind die Tochter von palästinensischen Einwanderern und Präsidentin der österreichisch-palästinensischen Gesellschaft. Können Sie alle Religionen neutral vertreten?

Duzdar: Palästina ist kein Kultus, Palästina hat auch nichts mit dem Islam zu tun, es gibt ja auch sehr viele christliche Palästinenser. Jesus stammte auch aus Nazareth. Ich stehe auf überhaupt keiner Seite. Nie im Leben würde ich irgendeine Religion bevorzugen.

Kronen Zeitung: Ihre Bestellung sei ein wichtiges Symbol, hat Christian Kern gemeint. Wofür?

Duzdar: Für das Abbild der Gesellschaft in der Regierung. Ich denke, Christian Kern ist es darum gegangen, Frauen in der Regierung zu haben, und in meinem Fall eine Frau mit Migrationshintergrund.

Kronen Zeitung: Sie sind zweisprachig aufgewachsen, haben an der Pariser Sorbonne studiert, sind selbständige Anwältin. Was ist Ihre Formel für gelungene Integration?

Duzdar: Bildung, Bildung und noch einmal Bildung. Meinen Eltern war Bildung immer sehr wichtig. Ich habe geschwächelt in der Volksschule, weil ich zuhause nur Arabisch gesprochen habe, meine Eltern haben mir Nachhilfe gezahlt. Aber mit meinen Geschwistern spreche ich Deutsch.

Kronen Zeitung: Der „Standard“ hat geschrieben, weil Sie eine Frau seien mit Migrationshintergrund, dezidiert links, eine Kritikerin Werner Faymanns, müssten Sie sich von ganz rechts und vom Boulevard auf etwas gefasst machen. Fürchten Sie das auch?

Duzdar: Ich gehe nicht davon aus, dass die Zeitungen automatisch negativ über mich schreiben, nein.

Kronen Zeitung: Würden Sie sagen, dass Sie dem linkslinken Flügel der SPÖ angehören?

Duzdar: Ich habe linke Positionen, und zu denen stehe ich.

Kronen Zeitung: Waren Sie beteiligt am Putsch gegen Werner Faymann?

Duzdar: Ich muss Ihnen ehrlich gestehen, darüber weiß ich nichts. Ich kann daher nicht sagen, was im Hintergrund gelaufen ist. Ich war nicht dabei.

Kronen Zeitung: Wo waren Sie am 1. Mai?

Duzdar: Auf dem Rathausplatz. Aber ohne Taferl.

Kronen Zeitung: Gerhard Zeiler hat im ORF erklärt, er habe seit einem Jahr mit Christian Kern den Wechsel geplant.

Duzdar: Ich glaube, dass das alles stark übertrieben wird. Putsch, Verschwörung. Ich kann nur sagen: Mir war davon nichts bekannt.

Kronen Zeitung: Wird Kern die Grabenkämpfe beenden können?

Duzdar: Ich bin überzeugt davon. Es gibt jetzt eine Aufbruchsstimmung in der Partei und auch in der Gesellschaft. Christian Kern hat den Zustand der SPÖ so beschrieben: "In der Sozialdemokratie gibt es die Doskozils und die Duzdars." Ich finde, das ist ein sehr schönes Bild. Eines, das mich ehrt.

Kronen Zeitung: Wie würden Sie reagieren, wenn die ÖVP die harte Linie in der Flüchtlingspolitik fortsetzt oder sogar ausweitet?

Duzdar: In einer Demokratie entscheiden die Mehrheiten, und wenn sich eine breite Mehrheit dafür entscheidet, dann muss man das akzeptieren.

Kronen Zeitung: Auch wenn sich die SPÖ Richtung FPÖ öffnen sollte?

Duzdar: Wir sollten uns der Diskussion nicht verschließen. Aber es muss eine inhaltliche Auseinandersetzung sein, wo es um Grundwerte geht. Mit der FPÖ soll man auf der Basis von Grundsätzen diskutieren.

Interview wurde geführt von Conny Bischofberger